Brasilianischer Rassismus und Vorurteile

Brasilien Fans würden Rassismus hier wahrscheinlich am wenigsten vermuten. Sogar viele Brasilianer denken, den gäbe es hier nicht wirklich. Erfahrungsgemäss muss ich zugeben, dass Brasilien sicher das Land ist, wo man ihn im Vergleich zu Europa und Asien am wenigsten findet. Wenn man hier längere Zeit verbringt mekrt man aber, es gibt ihn, und er versteckt sich gerne.

Mir fiel irgendwann auf, dass die meisten meiner brasilianischen Freunde keine schwarzen Freunde haben. Das erklärten viele mit dem unterschiedlichen Bildungsniveau, dass sich wiederum aus der Geschichte der Sklaverei erklärt.

Aber beginnen wir mit einer anderen Geschichte, die in den letzten zwei Wochen für Furore sorgte. Eine spanische Familie war in einem Restaurant in Sao Paulo. Ungewohnt für brasilianische Augen: Die Eltern waren weiss und ihr adoptierter Sohn schwarz. Jedenfalls während die Eltern am Buffet waren wurde der erst sechs-jährige auf die Strasse gesetzt. Der Kellner rechtfertigte, er habe das Kind für ein Strassenkind gehalten. Und das spiegelt das Denken eines ganzen Landes wieder. Es war hier kein direkter Rassismus gegen die Hautfarbe, aber was mit ihr verbunden wird.

In Brasilien gibt es viele gemischte, man nennt sie hier “Mulatten”, wobei sich Brasilianer der eigentlichen Wortbedeutung nicht so sehr bewusst sind, und keine Wertung durch Anwendung des Begriffs beabsichtigen. Aber Fakt ist, die schlechten Jobs werden in der Mehrzahl von Menschen dunkleren Hauttyps gemacht. In Städten (gross und klein) hat  die Mittelschicht und die Oberschicht Hausangestellte. Man wird unter den weiblichen kaum eine Weisse finden.

Die über Jahrunderte andauernde Sklaverei in Brasilien wurde 1850 verboten, also erst vor 162 Jahren, das sind dann etwa fünf Generationen bis heute. Es ist ja auch nicht so, das mit dem Ende der Sklaverei diese auch wirklich endete. Viele Familien hielten sich weiterhin Hausangestellte und Landarbeiter zu niedrigsten Kosten und verhinderten das soziale Wachstum der ehemaligen Sklaven und ihrer Nachkommen.

Es ist einfach ein seltsamer Anblick, wenn der späte Nachmittag in Vila Madalena hereinbricht und die an der Bushaltestelle Wartenden, alles Frauen dunklerer Haut sind, die die Wohnungen der meist weissen Arbeitgeber putzten, deren Kinder versorgten, das Abendessen vorkochten und jetzt wohl zwei Stunden fahren werden, bis sie zu Hause in einem Vorort Sao Paulos ankommen werden, wo sie dann noch ihre eigene Behausung herrichten und die eigene Familie bekochen müssen. Und morgen bei Tagesanbruch sitzen sie wieder im Bus.

Kinder ärmerer Leute können nur auf öffentliche Schulen, was ihre Chancen zu studieren stark reduziert. Deshalb sieht man eben auch kaum Schwarze an den Universitäten. Vor ein paar jahren hat die Regierung eine Quotenregelung für dunkelhäutige Studenten eingeführt, die von einigen Brasilianern positiv aufgenommen und von anderen widerum stark kritisiert wurde.

Dafür sprechen, dass Menschen, die durch ihre soziale Herkunft und der damit einhergehenden schlechten Bildung kaum die Chance hätten die schwierigen Universitätsprüfungen (bei denen oft auch Schüler privater Schulen mindestens einmal durchfallen) zu schaffen. Als Gegenargument nennen einige Brasilianer, dass es ungerecht gegenüber den anderen Studenten sei, die bessere Ergebnisse brauchen, um dieselben Kurse studieren zu dürfen.

Kommen wir zu den Vorurteilen gegen arme Menschen. Wer wenig Geld hat, dem sieht man das vor allem am äusseren Erscheinungsbild an. Arme spüren dies im täglichen Leben. Viele aus den höheren Schichten glauben ungelogen, dass arme Menschen schlechtere oder dümmere Menschen seien, und man sich von ihnen distanzieren müsse.

Neide, die uns einmal die Woche im Haus hilft, erzähte mir, dass sie einmal einen Kunden hatte, der sie beschimpfte und ihr sagte, er hasse arme Menschen und man solle alle am Besten töten lassen. Sie nennt ihre Kunden im übrigen Chefs, was auch schon vieles aussagt. Sie und ihr Mann gehen beide arbeiten und haben drei Kinder, das letzte ungeplant, und nun ein Jahr alt. Um die älteren Töchter zu entlasten, und weil sie keinen staatlichen Krippenplatz bekommen konnte, wollte sie sich bei einer privaten Krippe informieren. Schon nach dem ersten Blick der Rezeptionistin musste sie sich anhören, dass jene Krippe, keine öffentliche Krippe sei.

Es sind unterschwellige aber in den Köpfen vieler Mittel- und Oberschichtler existierende Vorurteile gegenüber ärmeren Menschen. Wenn man aber von Hautfarben sprechen möchte, dann muss man auch erwähnen, ebenfalls historisch bedingt, dass manche Schwarze und Mulatten sich vom Rest distanzieren, und selbst voller Vorurteile sind. Diese versuchen dann bloss nicht “weiss”zu sein.

Aber wie will man so ein Problem lösen? Abgrenzung von Menschen, die anders als der eigene Kreis sind, ist ein natürliches menschliches Verhalten. Dadurch schützte man früher seine Familie, seine Leute, sein Dorf. Ich denke, das einzige, das hilft, dieses Verhalten zu vermindern, ist eine Angleichung in der Gesellschaft. In Brasilien würde eine Verbesserung der öffentlichen Schulen dabei helfen eine breitere Mittelschicht zu kreieren und Unterschiede somit zu vermindern.

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