Mein Blog hängt mal wieder am Tropf und lange Zeit hat sich nichts getan. Ein kurzes Zeichen der Regung während des Komas, das man Leben nennt.
Also: Wo anfangen! Am Besten mit dem heutigen Tag. Es ist Ende 2011 und der heutige Tag fasst vieles zusammen, was ich in den letzten Wochen und Monaten getan habe.
Morgens 6 Uhr: Wecker klingelt! War schon vorher wach aber wollte das Bett nicht verlassen. Mühevolles Ringen um ein paar Minuten mehr Schlaf und Ruhe.
Zum Thema Schlaf: Nach etwa drei Monaten habe ich es endlich geschafft nicht mehr jede Nacht vom Unterrichten zu Träumen.
7 Uhr: Metro Vila Madalena nach Metro Vila Prudente.
8 Uhr: Jo und die Baustelle! Ich war wieder da! Wer ist Jo und welche Baustelle? Also, Jo ist ein ganz lieber etwas verzweifelter Deutscher, der hier in Brasilien an einer großen Baustelle einen super Kran, der vor allem wegen seiner Bohrfunktion genutzt wird, bedient und neue Leute einweist. Sein brasilianischer Spitzname: Papa Noel (Weihnachtsmann).

Auf der Baustelle, die eines Tages ein großer Umschlagplatz für Güter und Personen (Magnetbahnen) sein wird, habe ich als Übersetzerin gearbeitet. Es ist fantastisch. In meinem Leben kam ich mit Baustellen nie in Berührung. Klar! Wenn man in Deutschland an einer Baustelle vorbeiläuft, zieht man oft Blicke und Rufe auf sich. Hier ist das ganz anders. Wenn auch meine Anwesenheit als weibliche Mitarbeiterin für Aufmerksamkeit sorgt, und auch dafür, dass die Jungs pünktlich am Platz stehen, höre ich keine schmutzigen Witze oder derben Sprüche. Im Gegenteil, die Jungs albern unter sich und es ist vom Benehmen her sicher die stilvollste Baustelle, die man sich vorstellen kann.
In meiner kurzen Funktion als Übersetzerin kam ich bislang leider noch nicht ins Schwitzen, wenn ich auch starken Sonnenbrand habe, aber ich denke, dass ich durchaus gebraucht werde. Denn Jo versteht ohne Übersetzer nicht immer, warum es jetzt diesen oder jenen Leerlauf gibt. Trotz seiner Erfahrung in vielen Ländern fühlte ich mich auch so, als ob ich ein wenig Kultur übersetzte. Denn man muss hier einfach mehr Verständnis haben. Brasilianer sind bekannt dafür Meister im Improvisieren zu sein, was der deutschen Genauigkeit sehr widerspricht.
16 Uhr: Ab nach Higienopolis um mit meinem Schüler Fo Weihnachtsplätzchen mit englischer Konversation zu backen. Seine ersten! Sie waren exzellent! ich hoffe sehr, dass seine Familie sie genossen hat. Ich mag Fo sehr, auch wenn er alles andere als ein normaler 16-Jähriger ist. Wie ich sehe und höre, trägt er super viel Verantwortung für die Gestaltung seines Lebens, vielleicht nicht weniger als ich in seinem Alter, aber mit viel mehr Erwartungen der Eltern, Zurückhaltung seinerseits. Während ich zu rebellisch war, scheint er ein ruhiger Fels in der Brandung zu sein, und dass mit 16. Anyway! Von der Baustelle zum Plätchen backen!
19:30 Uhr: Abgabe meiner Unterrichtslisten bei der Englisch-Schule. Es ist der beste Arbeitsplatz, den ich in Brasilien bisher hatte, zumindest was die Organisation und die Freundlichkeit betrifft. Leider ist die Bezahlung nicht so doll, und ich fühle mich langsam auch etwas übermüdet vom Englisch-Unterrichten. Im nächsten Semester, so lieb ich sie auch habe, werde ich weniger Stunden annehmen und darauf hoffen, dass ich mit meiner Restzeit mehr machen und verdienen kann, sei es auch nicht verdienen, aber zumindest meine Kreativität wiederbeleben kann.
Was im Augenblick super viel Spaß macht, und noch schlechter bezahlt ist, ist das Chinesisch-Unterrichten. Ich liebe meine Schüler, unseren aktiven Unterricht. Wenn ich noch so müde ankomme, sobald ich anfange zu erzählen und zu zeigen, bin ich voller Adrenalin. Die besten Stunden waren die letzten beiden an der Uninove. Die Schüler hatten Referate zu verschiedenen Themen vorzubereiten, um einen Überblich zu China und seiner Geschichte zu gewinnen. Es war toll, und alle waren voller Aufmerksamkeit. Man weiß hier nicht viel über China, woher auch. Das quasi einzige worüber die Medien berichten ist die Wirtschaftssituation, aber nicht, wie es dazu kam. Ich konnte mich hier im Anhang viel mehr einbringen, als im normalen Sprachunterricht. Im Sprachunterricht muss ich manchmal geduldig sein, sehr geduldig. Ich muss mich oft wiederholen, aber ich habe gelernt, dass das an sich nichts macht, weil der Lerneffekt dadurch gestärkt ist. Die Leute haben eben auch nur drei Stunden pro Woche und arbeiten oder studieren in der Regel Vollzeit. Jedenfalls versuche ich auch in der Richtung mehr privat zu machen, weil einfach zu wenig von dem vielen Geld an den Lehrer geht, der ja letztlich nicht nur unterrichtet, sondern auch viel Organisationsarbeit hat. Gut! Aber ich weiß auch, dass nächstes Jahr etwas anderes kommen wird. Lehren war ein super Einstieg, und ich möchte es nicht ganz aufegeben, aber ich möchte auch mehr machen. Noch wird nichts verraten, aber ich habe eine Idee.
Wisst ihr, im Leben ist das größte Problem der modernen Zeit vielleicht das, herauszufinden, was einen glücklich macht. Klar weiß man schon aus der Philosophie und Poesie, dass Glück ja so an sich kein Zustand ist, aber man will ja immer ein bisschen mehr, als man hat.
Soviel für heute!
Jetzt noch ein wenig Arbeit und dann ins Bett!
Kika